Die GIENNALE. Das Thema.

Die GIENNALE möchte unter dem Thema „Stadt als transkultureller Spiel-Ort“ die Formen, Ausdrücke, Eindrücke, Möglichkeiten und Grenzen des städtischen Lebens näher betrachten. Als breiter und offener Denkanstoß zur künstlerischen, verbalen und nonverbalen Auseinandersetzung, enthält die Thematik ein facettenreiches Spektrum an Ansatzmöglichkeiten. Im Fokus der thematischen Überlegungen steht der Begriff der Transkulturalität, wie ihn Wolfgang Welsch (1997) in Abgrenzung zu Herders Kulturbegriff formuliert hat.


Herder beschreibt Kultur als eine Art Kugel, die den Mittelpunkt einer Nation bildet. In diesem Verständnis sind Kulturen in sich geschlossene Systeme, die eine nach innen gerichtete Homogenität darbieten und dadurch gleichzeitig eine nach außen gerichtete Abgrenzung erzeugen und verlangen. Eine Kugel definiert ihre äußeren Grenzen über ihr inneres Sein und umgekehrt. Treffen zwei Kugeln aufeinander, so können sie lediglich aneinander stoßen, aber sie vermögen sich nicht gegenseitig zu durchdringen oder zu kommunizieren. So verbleibt eine jede „Kulturkugel“ in ihrem Sein verhaftet, unfähig der Begegnung und Durchmischung.

Diesem, für Welsch überholten Kugelmodell, stellt er die Transkulturalität gegenüber und erarbeitet einen Begriff, der die für ihn bereits deutlich stattfindenden Mischungen der Kulturen erfasst. „Die Lebensformen enden nicht mehr an den Grenzen der Einzelkulturen von einst [...]“ (Welsch 2010,3). Diese kulturellen Durchdringungen finden sich in allen Gesellschaftsbereichen wieder, bis hin zu der spezifischen Identität einzelner Individuen. Transkulturalität ist somit ein gesellschaftsdurchdringendes Konzept, dass sich nicht nur in künstlerischen Erzeugnissen, globalen Bewegungen oder der Alltäglichkeit exotischer Nahrungsmittel findet, sondern eben auch am Mensch selbst ansetzt. Begrifflichkeiten wie Patchwork-Identitäten versuchen auf die Uneindeutigkeit menschlicher Lebenswelten zu verweisen.

Das wesentliche Potential von Transkulturalität liegt in der Überwindung der konstruierten Grenzen des Konstruktes Kultur. Eine zunehmende Mixtur aus vielerlei Kulturen birgt die Chance, auf Unbekanntes und Fremdes, statt mit Angst und Ablehnung, mit der Möglichkeit der Kommunikation zu reagieren. „Denn aus je mehr Elementen die kulturelle Identität eines Individuums [Gesellschaft] zusammengesetzt ist, umso wahrscheinlicher ist es, dass eine Schnittmenge mit der Identität anderer Individuen [Gesellschaften] besteht [...]“ (Welsch 2010,6). Transkulturalität beschreibt damit nicht nur einen Zustand postmoderner Gesellschaften, sondern ebenso die Chance, die problematische Instrumentalisierung des Kulturbegriffs, wie sie bspw. Zygmut Bauman (Ambivalenz der Moderne) beschreibt, zu überwinden.

Wird nun davon ausgegangen, dass Transkulturalität als allgegenwärtiger Zustand von Gesellschaften, kollektive wie auch individuelle Veränderungen hervorruft, ist auch der urbane Raum in diese inbegriffen. Dies nicht zuletzt dadurch, dass Individuen und Räume untrennbar miteinander verwoben sind. Der relationale Raumbegriff beschreibt eben jene Wechselwirkungen zwischen Mensch und Raum, indem darunter einerseits die Konstruktion von Raum durch die Individuen und andererseits die Beeinflussung der Menschen durch die entstanden Konstruktionen erfasst wird (Kessl/Reutlinger 2007,25f.). Indem Menschen Räume erst gestalten, kann auch die Stadt im Sinne eines Ortes (Raum) als Ausdruck gesellschaftlicher Entwicklungen angesehen und verstanden werden. Als Spiegel aktueller gesellschaftlicher Gegebenheiten (Bspw.: Migrationsbewegungen) gestaltet sich die Stadt durch die Menschen und ihre Reaktionen, Interaktionen und ihren Umgang mit den jeweiligen gesellschaftlichen Gegebenheiten. Die daraus entstehende Charakteristik der Stadt und des städtischen Lebens beeinflusst wiederum die Individuen selbst. In ihrer Wechselwirkung sind sie untrennbar miteinander verbunden.

In dieser Verbundenheit bestimmen somit die Menschen die Stadt, ihre Grenzen, ihren Charakter und ihr Sein. Gleichsam dem historisch-gesellschaftlich gewordenen Gebilde der Kultur, unterliegt die Stadt stetigen Veränderungen und Neuverhandlungen. Die Stadt ist, als Ort vielfältiger Lebenswelten, transkulturell. Wie Erol Yildiz es beschreibt, treffen in urbanen Räumen Lebensweisen, Einstellungen und Gedanken aus allen Teilen der Welt aufeinander und verbinden sich im Lokalem zu neuen individuellen Lebenskonzepten (vgl. Yildiz 2010,322). Elemente anderer (kultureller) Daseinsformen speisen sich in den sozialen Alltag der Stadt ein und werden in den subjektiven, sozialen Handlungen ihrer Bewohner*innen aufgenommen. „Damit eröffnen sich neue Kontexte und Horizonte, werden neue [...] Chancen erkennbar [...]“ (vgl.ebd.:325), aus denen im Sinne eines „dritten Raumes“ (Bahaba 1997), neue kulturelle Kombinationen erwachsen können. Eine besondere Entwicklungschance eröffnet die Transkulturalität der Stadt, indem sie durch die Begegnung unterschiedlichster Daseinsformen und Erfahrungsräumen, eine Konfrontation mit bisher feststehenden Konstrukten ermöglicht. Im Austausch können und werden die gemachten Perspektiven, Wertvorstellungen und angenommenen Deutungsmuster infrage gestellt und führen zwangsläufig zu einem Überdenken alter Strukturen (vgl. Yildiz 2010,323). So zum Beispiel auch das subjektive, wie auch kollektive Verständnis von Kultur. „Demokratie, offene Gesellschaft, plurale Kultur als freies Spiel unterschiedlicher Beteiligter zu begreifen und aktiv zu praktizieren, stellt keine geringe Anforderungen an die Spielfähigkeit der Einzelnen.“ (Buschkühle 2010,26) Das Anfechten und Einreißen bekannter Gedankenkonstruktionen kann, unabhängig des Entwicklungspotentials, zu Verunsicherungen und Widersprüchen führen. Und während so manche/r diese Verunsicherungen willkommen zu bearbeiten vermag, ziehen sich andere stattdessen in die bekannten und festen Strukturen zurück. Hierin liegt die Gefahr der „Öffnung der Orte zur Welt“ (Yildiz 2010,323), indem sie „[…] Schließungsprozesse [hervorruft], die mit neuen Nationalismen, Rassismus und Fundamentalismus einhergehen.“ (vgl. ebd.).

Kultur und Ort, verstanden als gesellschaftliche Konstrukte, befinden sich in Prozessen der Neuerung und Veränderung. Transkulturalität ruft neben einem städtischem Wandel, gleichsam individuelle Umorientierungen hervor und lässt dadurch neue Orte entstehen.

 

Literaturverzeichnis

Buschkühle, Carl-Peter/ Kettel, Joachim/Urlaß, Mario [Hrsg.] (2010): "Die Welt als Spiel. I Kulturtheorie - Digitale Spiele und künstlerische Existenz". 2. Auflage, ATHENA-Verlag Oberhausen.

Kessl, Fabian/Reutlinger, Christian (2007): Sozialraum – Eine Einführung, 1. Auflage VS Verlag für Sozialwissenschaften Wiesbaden

Welsch, Wolfgang (2010): "Was ist eigentlich Transkulturalität?". Transcript Verlag Bielefeld. Seite 1 -16

Yildiz, Erol (2010): "Die Öffnung der Orte zur Welt und postmigrantische Lebensentwürfe". SWS-Rundschau (50.Jg.), Heft 3. Seite 318 - 339

 

weiterführende Literatur

Bauman, Zygmunt (2012): „Moderne und Ambivalenz“. 2. Auflage (Originalausgabe 1991), Hamburger Edition HIS Verlagsgesellschaft mBH, Hamburg

 

(WH)