Blut und die blaue Arbeitshose

Gehen wir knapp ein Jahr zurück. Juli 2016, in einer Kleinstadt in Südafrika. Ein weißer Campus. Seit 1994 war die Apartheid offiziell vorbei, doch hier lebte sie weiter. Es waren nicht nur die harten burischen Kerle, die Du allein an ihrem Daherschreiten als Buren erkennen konntest. Es waren auch nicht nur die Gebäude und Statuen, die an das Vergangene erinnerten, und noch immer die Namen der weißen Männer trugen, die an dieser Universität in den 1930er Jahren die Apartheid mit und in der Wissenschaft etablierten, legitimierten und so die weitere Geschichte verheerend beeinflussten. Es war die ganze Stadt.

 


Überall klatschte sie dir hart und ungefragt ins Gesicht. Es war komisch und ekelhaft. 22 Jahre nach der Apartheid hat sich in diesem identitären Städtchen nichts verändert. Macht, Geld, Rassismus, das Patriarchat; das alles war und ist hier, einfach so, ganz normal. Und trotzdem glaubten irgendwie alle, sie seien „open minded“. Einer der Wenigen davon war aus meiner Sicht mein langbärtiger und kahlköpfiger Anthropologie-Professor. Er besaß nur eine einzige Hose – eine blaue Arbeitshose, wie wir sie alle kennen, und wie sie die Tagelöhner in Südafrika zumeist tragen - die er , eigentlich immer mit seinem grauen Kapuzenpullover, sowie schachbrettartig gemusterten Slippers, kombinierte. Im Seminar zur Anthropologie der Moderne, legte er so einiges an Fachliteratur auf den Tisch. Aber er gab uns eben auch – und besonders vor dem oben beschriebenen Kontext – die Geschichte von den "Omelas". Es las sich nicht unbedingt angenehm und es war keine schöne Geschichte, die uns mit einem Happy End hätte verzaubern können, doch zumindest ihr Beginn suggerierte zunächst eine heile Welt:

Es ging um die Stadt und ihre Bürger. Alle lebten hier in einem friedlichen Miteinander. Klar, es gab den normalen Alltagsstress, aber im Großen und Ganzen ging es hier allen recht knorke. Es fehlte an Nichts. Von allem war alles da, es wurde weder knapp noch rar. Doch waren nicht nur die Grundbedürfnisse befriedigt, man lebte auch im Überfluss. Kurzum: Das Leben in Omelas war vollends gut und absolut in Ordnung. "Geil" dachte ich mir, "da will ich hin." Strand, Sonne, mit Pommes füttern lassen, angenehme Windböen, die mir mit Palmblättern in mein leicht verschwitztes Gesicht gewedelt werden und natürlich eine randvolle, frische Kokosnuss, mit rot-weiß gestreiftem Strohhalm, und das befriedigende Geräusch, wenn du sie leer schlürfst. Ja. Geil. Aber dann kam die Entzauberung:

Das kleine Mädchen, das im einzigen Slum der ganzen Stadt lebte; wie sie den ganzen Tag, unendliche, nicht zu ertragende Schmerzen litt. Blutüberströmt von den immer und immer wieder aufklaffenden Wunden an ihrem ganzen Körper. Und zu allem Überfluss versunken in Ihrem eigenen, blutgetränkten Kot. Jeder Herzschlag bedeutete weiteres Leid, das auf sie niederprasselte.
Sie hielt das Gleichgewicht des Ortes nicht selbst. Sie war lediglich die Waage und musste der offensichtlich ungleichen Verteilung des Gewichtes, ja, ganz Recht, der ungleichen Verteilung der Scheiße, der globalen Kakophonie, eben Tribut zollen.
 Sie ritt weder auf einem glitzernden Einhorn, noch glaubte sie dabei, sie sei subversiv. Dennoch: nur sie vermochte die Schwere des Leides für alle zu tilgen, indem sie sich alles selbst aufbürdete. Aus ihrem Martyrium resultierten das Seelenheil und der Frieden der Anderen.

Die Betrachtung des Mädchens war eine unausgesprochene Konvention, und dennoch die einzig existierende in Omelas: einmal im Jahr sollten sich die Bewohner auf den Weg zu dem Slum des kleinen Mädchens machen. Sie sollten sie besuchen, sie ansehen und sich ihrer aller Situation vor Augen führen. Aber, es lief ja alles so gut in Omelas und vor lauter Glückseligkeit vergaßen die Menschen allmählich ihre Pflicht und die Verantwortung, die sie gegenüber dem Mädchen trugen. Und so vergaßen sie auch sich selbst. Dennoch ging es Ihnen weiterhin gut und das omelasische System funktionierte.

So schien es zumindest. Doch irgendwann standen ein paar Wenige auf und gingen. Sie gingen einfach irgendwohin. Es gab kein Ziel, keinen erkennbaren Weg dem sie hätten folgen können. So zogen sie in die Weite, in das Ungewisse und das Nichts. Ein gewisses Unbehagen verspürten sie zwar, doch hielt es sie nicht davon ab, Reißaus zu nehmen und zu gehen. Raus aus dem Trott und der Komfortzone, dem gewohnten und liebgewonnenen heimeligen Nest.

Blut und die blaue Arbeitshose – Nachwort des Autors

„Aus ihrem Martyrium resultierten das Seelenheil und der Frieden der Anderen.“ – Doch wohin führt uns das Ganze? Und was hat das alles mit Kultur zu tun? Wer ist jetzt das kleine Mädchen und warum gehen die paar Leute ganz alleine, irgendwohin, ins Ungewisse?

Es gibt nun freilich mehrere Interpretationsmöglichkeiten. Das Mädchen könnte für die Unterdrückung der Frau stehen, und die Stadtbewohner könnten die alten, weißen, westlichen cis Männer sein, die es einfach nicht checken. Und die paar Leute versuchen nun einen Weg zu gehen, der auf jeden Fall nichts mehr mit den komischen, weißen, westlichen cis-Männern zu tun hat. Schon mal ganz okay.

In einer zweiten Analogie könnte das kleine Mädchen das Elefantenklo sein, die Bevölkerung sind die Leute, die Gießen hässlich finden. Die Leute, die finden, dass Gießen noch mehr zu bieten hat außer einem "Grau" (und was den Hatern da sonst noch so einfallen mag) und sich mit Stadt und Region identifizieren können, wären in dieser Analogie, ironischerweise, diejenigen, die aus Omelas fortgehen.

Eine weitere Analogie, und zwar jene, die aufgrund meines Auslandsaufenthaltes damals nahe lag, ist diese: das Mädchen steht stellvertretend für Afrika und die Omelaser sind die westlichen Kolonialmächte. Seit den Anfängen im 17. Jahrhundert, als die ersten Pioniere am Südkap Afrikas ihren Weg ins Landesinnere antraten, um die dort lebende indigene Bevölkerung, Millionen von Menschen, mit Sklaventum zu züchtigen und sie mit dem Christentum zu missionieren, um sie dann in sogenannte "Homelands" einzupferchen, und sogar die letzten verbliebenen Zipfel der für uns alle so wertvollen Kulturen auszumerzen und sich der Ländereien habhaft zu machen, (von Genozid und allen anderen Übeln mal ganz zu Schweigen) sahen die Kolonialisten ihr Handeln als gut an. Als Hilfestellung der Aufgeklärten, fortschrittlich Entwickelten, Gebildeten und Vernünftigen, oder eben: der „besseren“ oder „moderneren“ Menschen an die Wilden und Unterentwickelten. Obendrein kreierten sie dadurch eine Welt, in der wir noch heute, nach den alten, gleichen Mustern, so arg verblendet, weiter vegetieren.
Die einst so verheißungsvollen Maximen der Aufklärungsepoche haben sich ins Negative verworren: immerwährender Fortschritt und Entwicklung haben, mit ihrem unbändigen Modernisierungstrieb, die soziokulturellen Gegebenheiten auf der ganzen Welt so verändert, dass das einstige Leben schon lange in den Hintergrund gerückt ist. Wir zerstören alle Kulturen der Welt, mit der uns scheinbar einzig verbliebenen Kultur: dem Konsum und dem Kapitalismus, der uns selbst und alles was noch lebt, allmählich mit sich reißt und verschlingt. Aber, wir sind konfliktscheu geworden. Wir tragen unsere Konflikte nicht mehr aus. Nichtmal mit uns selbst. Bei allen ist immer nur alles gut. Wir haben es verlernt, uns mit uns selbst auseinanderzusetzen, uns damit auseinanderzusetzen, wie, wo und mit wem wir leben, was wir konsumieren und was wir tun. Und so haben wir auch die Geschichte verdreht. Für uns geschönt, damit wir weiter so oberflächlich, kalt und egoistisch leben können. Wir haben verlernt, uns in einem angemessenen Kontext, dem Anderen, dem Fremden, dem nicht Gewohnten zu widmen, es zu verstehen und zu leben. Dabei Gelernt haben wir hingegen gerade einmal, die Augen zu schließen und dabei Serien zu bingewatchen. Und das obwohl wir ohnehin schon den ganzen Tag auf unser Smartphone-Display starren.

Es ist unsere Unfähigkeit, unsere Unterschiede zu feiern und in einer Vielfalt zu leben, in der es neue Wege zu beschreiten und zu entdecken gilt, ohne dabei den bisher gegangenen zu bejubeln oder gar zu vergessen. Das kleine Mädchen ist die Welt. Und wir trampeln auf ihren Kulturen herum. Aber, wir sind nicht in Omelas und wir können die Welt nicht verlassen.

Wir alle sind das kleine Mädchen. Wir alle machen uns kaputt. Und nur wir alle können die Kulturen der Welt prägen und in unserem Maße gestalten. Wir müssen uns lediglich wieder zurückbesinnen auf unsere einstige kindliche Wissbegier, mit der wir unser Leben beginnen durften. Und dabei trotzdem nicht vergessen, warum und wieso das alles möglich ist; welch großes Privileg es ist, teilhaben zu dürfen. Nur dann können wir Kultur erleben, verstehen und kulturelle Menschen sein, ohne dies auf dem Rücken anderer, uns vielleicht fremder Kulturen, zutun.

(GG)